Der Televisionär
Wolfgang Menge und das bundesdeutsche Fernsehen
Eine Medienbiographie
1 Thema
2 Hintergrund
3 Projekt
1 Thema
Was wären die Nachkriegsdeutschen einst ohne das Fernsehen gewesen? Oder gar geworden?
Wie kein anderes Massenmedium prägte die Television mit ihrer innovativen Kombination von Fakten und Fiktionen die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Zur fernen, vergehenden Epoche des in West und Ost geteilten Deutschland liefert das Fernsehen daher einen zentralen Schlüssel; nicht zuletzt auch, weil die zeitgenössischen Macher das TV-Programm, das sie produzierten und verantworteten, durchaus auch als Programm im emphatischen Sinne begriffen.
Auf der bundesdeutschen Seite, im öffentlich-rechtlichen Nachkriegsfernsehens setzte Wolfgang Menge über fünf Jahrzehnte hinweg mit kreativen und zugleich populären Fernsehspiel-Experimenten Meilensteine der TV-Geschichte.

Wolfgang Menge 2002 bei der Verleihung des Deutschen
Fernsehpreises, Ehrenpreis der Stifter für sein Lebenswerk
(Quelle: wdr.de)
Nach Menges rund 70 Drehbüchern entstanden u. a.:
Diese ungewöhnliche Kombination von ästhetischen Experimenten und Massenunterhaltung, kreativer Partizipation und kritischer Reflexion machte Wolfgang Menge nicht nur zum profiliertesten TV-Autor der fünfziger bis neunziger Jahre. Sie sorgte auch dafür, dass sich heute rückblickend in seiner künstlerischen Biographie die Geschichte des Mediums selbst spiegelt.
Grundlage dafür war seine journalistische Vorbildung. Sie ließ ihn von der vorproduzierten TV-Konserve zu tagesaktuelleren und Live-Formen streben. So gehörte er in den frühen siebziger Jahren auch zu den Pionieren, die für das deutsche Fernsehen das neue Format der Talkshow entwickelten.
Schlagfertig und bissig moderierte er dann die bahnbrechenden Talkshows III nach 9 (1974-84) und Leute (1983-87). Schnell wurde seine hohe hagere Gestalt mit dem kahl rasierten Schädel zur populären TV-Ikone. In der für einen TV-Autor einzigartigen Mischung aus Avantgardismus und Popularität, Qualität und Quote, Aufklärung und Unterhaltung verkörpert Wolfgang Menge wie kein anderer den historischen Spagat des Mediums, das ihn berühmt machte — des deutschen Nachkriegsfernsehens in seiner öffentlich-rechtlichen Ausprägung.
Mit der Absicht, Wolfgang Menges Leben und Arbeiten zu dokumentieren und sein Werk kritisch zu würdigen, verbindet sich daher notwendig eine umfassendere historische Erzählung: die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland.
Was wären die Nachkriegsdeutschen einst ohne das Fernsehen gewesen? Oder gar geworden?
Wie kein anderes Massenmedium prägte die Television mit ihrer innovativen Kombination von Fakten und Fiktionen die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Zur fernen, vergehenden Epoche des in West und Ost geteilten Deutschland liefert das Fernsehen daher einen zentralen Schlüssel; nicht zuletzt auch, weil die zeitgenössischen Macher das TV-Programm, das sie produzierten und verantworteten, durchaus auch als Programm im emphatischen Sinne begriffen.
Auf der bundesdeutschen Seite, im öffentlich-rechtlichen Nachkriegsfernsehens setzte Wolfgang Menge über fünf Jahrzehnte hinweg mit kreativen und zugleich populären Fernsehspiel-Experimenten Meilensteine der TV-Geschichte.

Wolfgang Menge 2002 bei der Verleihung des Deutschen
Fernsehpreises, Ehrenpreis der Stifter für sein Lebenswerk
(Quelle: wdr.de)
Nach Menges rund 70 Drehbüchern entstanden u. a.:
- populäre Kriminalfilme wie die semi-dokumentarische Stahlnetz-Krimiserie (1958-1968) und mehrere frühe Tatort-Krimis (1971-1974);
- wegweisende faktionale Experimente wie Fragestunde (1969), Die Dubrow-Krise (1969), Millionenspiel (1970), Smog (1973), Grüß Gott, ich komm von drüben (1978), Ein Mann von gestern (1980);
- innovative historische TV-Spiele wie So lebten sie alle Tage (1984), Reichshauptstadt privat (1987) und Ende der Unschuld (1991);
- ungemein populäre Radikalisierungen der Familienserie wie Ein Herz und eine Seele (1973-76) und Motzki (1993).
Diese ungewöhnliche Kombination von ästhetischen Experimenten und Massenunterhaltung, kreativer Partizipation und kritischer Reflexion machte Wolfgang Menge nicht nur zum profiliertesten TV-Autor der fünfziger bis neunziger Jahre. Sie sorgte auch dafür, dass sich heute rückblickend in seiner künstlerischen Biographie die Geschichte des Mediums selbst spiegelt.
Grundlage dafür war seine journalistische Vorbildung. Sie ließ ihn von der vorproduzierten TV-Konserve zu tagesaktuelleren und Live-Formen streben. So gehörte er in den frühen siebziger Jahren auch zu den Pionieren, die für das deutsche Fernsehen das neue Format der Talkshow entwickelten.
Schlagfertig und bissig moderierte er dann die bahnbrechenden Talkshows III nach 9 (1974-84) und Leute (1983-87). Schnell wurde seine hohe hagere Gestalt mit dem kahl rasierten Schädel zur populären TV-Ikone. In der für einen TV-Autor einzigartigen Mischung aus Avantgardismus und Popularität, Qualität und Quote, Aufklärung und Unterhaltung verkörpert Wolfgang Menge wie kein anderer den historischen Spagat des Mediums, das ihn berühmt machte — des deutschen Nachkriegsfernsehens in seiner öffentlich-rechtlichen Ausprägung.
Mit der Absicht, Wolfgang Menges Leben und Arbeiten zu dokumentieren und sein Werk kritisch zu würdigen, verbindet sich daher notwendig eine umfassendere historische Erzählung: die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland.
2 Hintergrund
Fernsehnation
Zu Weihnachten 1952 nahm die ARD ihren regulären Sendebetrieb auf. Der Aufstieg des neuen Mediums verlief blitzartig: Drei Millionen kleiner grauer Bildschirme drangen allein bis zum Ende des Jahrzehnts in die Wohnzimmer.
Im Alltag des Wiederaufbaus wirkten sie wie ein neues Fenster auf die Realität. Einzigartig war an ihm, dass es allen dieselbe Perspektive bot. Das Fernsehen schuf sich so ein neues, sein eigenes Publikum: die Fernsehnation.
Ob nun das erste und einzige Programm lief oder ab 1963 auch das zweite: Die Mattscheibe der frühen Jahre zeigte stets die Welt aus recht gleicher, aus westlicher Sicht. Sie vermittelte demokratische Werte und stiftete so bundesdeutsche Identität.
Das neue Medium und sein Autor
Wolfgang Menge hatte bereits ein gutes Jahrzehnt im In- und Ausland für Radiosender und Zeitungen gearbeitet, als er Mitte der fünfziger Jahre begann, für das neue Massenmedium Fernsehen zu schreiben.

Stahlnetz-Autor Wolfgang Menge mit Regisseur Jürgen Roland im Schneideraum,
um 1960 (Quelle: Wolfgang Menge)
Aus dieser beruflichen Vorerfahrung, dass er eben nicht vom Film und dem fiktionalen Erzählen herkam, entwickelte sich Wolfgang Menges besonderes Markenzeichen: die journalistische Annäherung, die Tatsachentreue, Wirklichkeitsnähe und Genauigkeit von Personen und Orten, abgestützt durch formal innovative Aufarbeitungsweisen des jeweils recherchierten Materials.
In seinen besten Werken erzählte Menge so zugleich Geschichten und Geschichte. Und in diesem Talent, Recherche mit Fantasie, Gefundenes mit Erfundenem zu verschmelzen, glich er auf geradezu prästabilierte Weise dem neuen Massenmedium selbst:
Denn auch das Fernsehen bildete ja nicht die Welt ab, wie sie tatsächlich war, sondern konstruierte eine neue mediale Realität; von den Inszenierungen der Samstagabend-Shows bis zu denen der Tagesschau oder der politischen Magazine.
Fand Wolfgang Menge daher im jungen, vergleichsweise offenen, weil sich erst noch entwickelnden öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein ideales Medium, so gewann das wiederum mit ihm einen idealen Autor.
Fernsehkritiker
Gerade deswegen jedoch, weil er das aufsteigende Medium im Gegensatz zu den meisten seiner Verwalter zur bestmöglichen Form führen wollte, entwickelte Menge sich schnell auch zu einem der hellsichtigsten Kritiker des Fernsehens.

Wolfgang Menge, um 1970 (Quelle: Wolfgang Menge)
Diese Kritik brachte er aber nicht – wie etwa die Fronde kulturkonservativer Feuilletonisten – von außen und von oben herab vor. Er formulierte sie vielmehr innerhalb des Mediums selbst: mit Fernsehspielen wie Millionenspiel oder Der Mann von gestern sowie in zahlreichen Talkshow-Moderationen und Interviews.
Wie kein anderer animierte er so die Fernsehnation — Macher wie Zuschauer — zur Selbstreflexion, zur Hinterfragung des Status Quo, zum Nachdenken über systemische Fehlentwicklungen wie zunehmende Quotenjagd und damit auch zur Imagination einer anderen, besseren medialen Zukunft.
Fernsehnation
Zu Weihnachten 1952 nahm die ARD ihren regulären Sendebetrieb auf. Der Aufstieg des neuen Mediums verlief blitzartig: Drei Millionen kleiner grauer Bildschirme drangen allein bis zum Ende des Jahrzehnts in die Wohnzimmer.
Im Alltag des Wiederaufbaus wirkten sie wie ein neues Fenster auf die Realität. Einzigartig war an ihm, dass es allen dieselbe Perspektive bot. Das Fernsehen schuf sich so ein neues, sein eigenes Publikum: die Fernsehnation.
Ob nun das erste und einzige Programm lief oder ab 1963 auch das zweite: Die Mattscheibe der frühen Jahre zeigte stets die Welt aus recht gleicher, aus westlicher Sicht. Sie vermittelte demokratische Werte und stiftete so bundesdeutsche Identität.
Das neue Medium und sein Autor
Wolfgang Menge hatte bereits ein gutes Jahrzehnt im In- und Ausland für Radiosender und Zeitungen gearbeitet, als er Mitte der fünfziger Jahre begann, für das neue Massenmedium Fernsehen zu schreiben.

Stahlnetz-Autor Wolfgang Menge mit Regisseur Jürgen Roland im Schneideraum,
um 1960 (Quelle: Wolfgang Menge)
Aus dieser beruflichen Vorerfahrung, dass er eben nicht vom Film und dem fiktionalen Erzählen herkam, entwickelte sich Wolfgang Menges besonderes Markenzeichen: die journalistische Annäherung, die Tatsachentreue, Wirklichkeitsnähe und Genauigkeit von Personen und Orten, abgestützt durch formal innovative Aufarbeitungsweisen des jeweils recherchierten Materials.
In seinen besten Werken erzählte Menge so zugleich Geschichten und Geschichte. Und in diesem Talent, Recherche mit Fantasie, Gefundenes mit Erfundenem zu verschmelzen, glich er auf geradezu prästabilierte Weise dem neuen Massenmedium selbst:
Denn auch das Fernsehen bildete ja nicht die Welt ab, wie sie tatsächlich war, sondern konstruierte eine neue mediale Realität; von den Inszenierungen der Samstagabend-Shows bis zu denen der Tagesschau oder der politischen Magazine.
Fand Wolfgang Menge daher im jungen, vergleichsweise offenen, weil sich erst noch entwickelnden öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein ideales Medium, so gewann das wiederum mit ihm einen idealen Autor.
Fernsehkritiker
Gerade deswegen jedoch, weil er das aufsteigende Medium im Gegensatz zu den meisten seiner Verwalter zur bestmöglichen Form führen wollte, entwickelte Menge sich schnell auch zu einem der hellsichtigsten Kritiker des Fernsehens.

Wolfgang Menge, um 1970 (Quelle: Wolfgang Menge)
Diese Kritik brachte er aber nicht – wie etwa die Fronde kulturkonservativer Feuilletonisten – von außen und von oben herab vor. Er formulierte sie vielmehr innerhalb des Mediums selbst: mit Fernsehspielen wie Millionenspiel oder Der Mann von gestern sowie in zahlreichen Talkshow-Moderationen und Interviews.
Wie kein anderer animierte er so die Fernsehnation — Macher wie Zuschauer — zur Selbstreflexion, zur Hinterfragung des Status Quo, zum Nachdenken über systemische Fehlentwicklungen wie zunehmende Quotenjagd und damit auch zur Imagination einer anderen, besseren medialen Zukunft.
3 Projekt
Seit 1987 kenne ich Wolfgang Menge. Ich habe ihn mehrfach interviewt, über ihn und sein Werk publiziert, Seminare abgehalten. Seit Ende der 1980er Jahre sind wir befreundet.
Phase 1
In der ersten Phase des Projekts führe ich nun weitere ausführliche Interviews mit ihm selbst sowie mit seiner Familie, ehemaligen Mitarbeitern, Freunden und Bekannten. Begonnen habe ich damit diesen August während eines gemeinsamen Aufenthalts auf Sylt sowie bei mehreren Treffen in Berlin.

Mit Wolfgang Menge auf Sylt, August 2008 (Quelle: Freyermuth)
Phase 2
In der zweiten Phase werde ich Archivmaterial — nicht zuletzt aus Menges eigener Sammlung — zur Entstehung und zeitgenössischen Rezeption seiner wichtigsten TV-Arbeiten durcharbeiten sowie, insofern noch nicht geschehen, den Forschungsstand sichten.
Phase 3
In der dritten, der Verarbeitungs-Phase soll eine kohärente erzählerische Darstellung von Leben, Werk und Wirkung entstehen: die Medienbiografie.
In der literarischen Darstellung geht es mir darum, biografisches Erzählen mit kulturgeschichtlicher Darstellung und Reflexion zu verbinden.
Ein intellektuelles wie ästhetisches Vorbild für eine solche Verwebung bietet Siegfried Kracauers Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. Kracauer nannte sein im Pariser Exil geschriebenes Buch eine Gesellschaftsbiographie.
Der Untertitel Medienbiografie, den ich gewählt habe, soll andeuten, dass das Buch mit der Figur des TV-Autors Wolfgang Menge die Mediengesellschaft „erstehen lässt, die er bewegte und von der er bewegt wurde“ (Kracauer).
Website
Alle Phasen von Recherche und Verarbeitung werden ab Oktober auf –> www.DerTelevisionär.de in Wort, Bild, Video dokumentiert und zur Diskussion gestellt — in der Hoffnung nicht zuletzt auf Ergänzungen, Korrekturen und Anregungen.
Textpublikation
Die Veröffentlichung der Projektergebnisse — der Medienbiographie — wird sowohl digital als E-Book wie auch analog im Buchdruck geschehen.
Seit 1987 kenne ich Wolfgang Menge. Ich habe ihn mehrfach interviewt, über ihn und sein Werk publiziert, Seminare abgehalten. Seit Ende der 1980er Jahre sind wir befreundet.
Phase 1
In der ersten Phase des Projekts führe ich nun weitere ausführliche Interviews mit ihm selbst sowie mit seiner Familie, ehemaligen Mitarbeitern, Freunden und Bekannten. Begonnen habe ich damit diesen August während eines gemeinsamen Aufenthalts auf Sylt sowie bei mehreren Treffen in Berlin.

Mit Wolfgang Menge auf Sylt, August 2008 (Quelle: Freyermuth)
Phase 2
In der zweiten Phase werde ich Archivmaterial — nicht zuletzt aus Menges eigener Sammlung — zur Entstehung und zeitgenössischen Rezeption seiner wichtigsten TV-Arbeiten durcharbeiten sowie, insofern noch nicht geschehen, den Forschungsstand sichten.
Phase 3
In der dritten, der Verarbeitungs-Phase soll eine kohärente erzählerische Darstellung von Leben, Werk und Wirkung entstehen: die Medienbiografie.
In der literarischen Darstellung geht es mir darum, biografisches Erzählen mit kulturgeschichtlicher Darstellung und Reflexion zu verbinden.
Ein intellektuelles wie ästhetisches Vorbild für eine solche Verwebung bietet Siegfried Kracauers Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. Kracauer nannte sein im Pariser Exil geschriebenes Buch eine Gesellschaftsbiographie.
Der Untertitel Medienbiografie, den ich gewählt habe, soll andeuten, dass das Buch mit der Figur des TV-Autors Wolfgang Menge die Mediengesellschaft „erstehen lässt, die er bewegte und von der er bewegt wurde“ (Kracauer).
Website
Alle Phasen von Recherche und Verarbeitung werden ab Oktober auf –> www.DerTelevisionär.de in Wort, Bild, Video dokumentiert und zur Diskussion gestellt — in der Hoffnung nicht zuletzt auf Ergänzungen, Korrekturen und Anregungen.
Textpublikation
Die Veröffentlichung der Projektergebnisse — der Medienbiographie — wird sowohl digital als E-Book wie auch analog im Buchdruck geschehen.

